HOME     ÜBER MICH     VERÖFFENTLICHUNGEN     LESEPROBEN     EMPFEHLUNGEN     KONTAKT     
   Bettina Büchel: Leseproben
LESEPROBEN
Leseprobe als PDF

Kapitel 1

Er schlief tief und fest, als ihn das hartnäckige Klingeln seines Mobiltelefons abrupt aufweckte. Im ersten Moment wusste er gar nicht, was ihn so unvermutet wach werden ließ. Er war mitten in der Tiefschlafphase, als dieses jähe, unangenehm klingende Geräusch direkt an sein Ohr drang. Sein Blick fiel auf seine Frau, die jedoch keinen Muckser machte. Sie schien von dem Lärm nichts zu bemerken. Schnell wandte er sich um. Er tastete auf das Nachtkästchen neben dem Bett, griff nach seinem Handy und verließ rasch das Schlafzimmer.


Erst außer Hörweite nahm er den Anruf entgegen und flüsterte ein leises: „Ja?“
„Meier, da liegt ein Toter im Bach. Du musst sofort kommen“, brüllte eine aufgeregte Stimme an sein Ohr.
„Bist du das, Fredi?“, fragte Meier unsicher.
„Natürlich, wer denn sonst.“
Na, wer denn sonst, dachte sich der Polizeiinspektor der hiesigen Gemeinde. Wer sonst wohl als Fredi Summer, der Gastwirt des „Goldenen Ochsen“, würde mitten in der Nacht einen Toten auffinden, und das auch noch ausgerechnet in ihrem sonst so verschlafenen Dorf.
„Hast du den Notarzt informiert?“, wollte Meier wissen.
„Nein, haben wir nicht. Der braucht keinen Arzt mehr. Der ist mausetot.“
„Wer sind denn wir? Ist noch jemand bei dir?“
„Ja, Karl.“

Erst jetzt warf Meier einen Blick auf seine Uhr. Es war zwei Uhr nachts. Was trieben Fredi und Karl um diese Zeit noch draußen?
„Wo seid ihr eigentlich?“
„Wir sind am Bachbett der Samina, direkt unterhalb des Gemeindeamtes“, antwortete Fredi ihm.
„Und was macht ihr um diese Zeit noch dort?“, ließ Otto Meier nicht locker.
„Frag nicht lange. Komm einfach“, entgegnete ihm Fredi genervt. Dann war es still am anderen Ende der Leitung. Summer hatte ihn einfach weggedrückt. Widerwillig schlüpfte er in seine Polizeiuniform. Seiner Frau hinterließ er eine kurze Nachricht und verschwand durch die Hintertür direkt in die Garage. Kurze Zeit später parkte er seinen bronzefarbenen Volvo vor dem Gemeindeamt. Einer der beiden Männer stand rauchend unter dem Vordach, um sich vor dem Nieselregen, der während der Fahrt hierher eingesetzt hatte, zu schützen. Der andere saß zusammengekauert auf der Stiege und schien, trotz des Regens tief zu schlafen. Meier stieg aus seinem Wagen. Die angenehme Wärme, die ihn vor Kurzem noch in seinem wohligen Bett umgeben hatte, wurde von einem nasskalten Windhauch verdrängt. Ohne sich lange mit Begrüßungsfloskeln aufzuhalten, verlangte er von den beiden zu erfahren, wo sich der Tote befand. Fredi Summer deutete auf die Brücke, die über das Bachbett der Samina führte.
„Direkt unter der Brücke liegt er“, murmelte Fredi.

Meier ignorierte den Regen, der immer stärker wurde, ging zur Brücke und schaute über die Brüstung. Im Wasser konnte er eine reglose Person ausmachen. Der Körper lag mit dem Gesicht nach unten. Mehr konnte er von hier oben nicht erkennen. Er lief zurück zu den beiden Männern.
„Warum seid ihr euch so sicher, dass die Person tot ist?“, hakte er nach.
„Weil ich unten war und sein Gesicht unter Wasser liegt. Wenn es sich nicht um ein fischähnliches Subjekt handelt, das durch Kiemen atmet, muss er wohl tot sein. Außerdem habe ich seinen Puls gefühlt. Da war nichts, gar nichts mehr zu spüren“, entgegnete ihm Fredi. Solch sarkastische Bemerkungen waren typisch für den Gastwirt des Ochsen und meistens auch sehr amüsant, aber in dieser Situation alles andere als angebracht.
„Hast du etwas angefasst? Und was macht ihr zwei überhaupt noch hier?“
„Nein, natürlich nicht. Ich bin doch ein Profi“, lachte Fredi, als läge nicht in unmittelbarer Nähe eine Leiche, von der sie nicht wussten, wie und warum sie dort hingekommen war.
„Und zu deiner zweiten Frage. Schau dir Karl doch mal an. Der hat heute wieder einmal viel zu tief ins Glas geguckt. Da er der letzte Gast war und ich endlich zusperren wollte, habe ich angeboten, ihn nach Hause zu bringen. Er wohnt ja gleich um die Ecke. Als wir die Brücke überquerten, warf ich zufällig einen Blick nach unten, und da sah ich etwas Großes, Dunkles. Ich habe Karl hier auf die Stiege gesetzt und bin runter. Dann habe ich dich angerufen.“

Meier nickte stumm, aber er war keineswegs zufrieden mit der Situation. In seinen ganzen dreißig Jahren im Polizeidienst war ihm hier in Frastanz kein derartiger Fall untergekommen. Natürlich hatten sie gelegentlich Fälle von Raufereien unter der Dorfjugend. Auch geklaut wurde hin und wieder. Aber ein Toter im Bachbett der Samina war etwas Neues und Beängstigendes für ihn. Nicht, dass der Umstand zwangsläufig auf einen Mord deutete. Genauso gut konnte es auch ein Unfall gewesen sein. Schon des Öfteren hatte er in der Zeitung von Leuten gelesen, die in betrunkenem Zustand nahe an einem Gewässer gestolpert und so unglücklich gestürzt waren, dass sie mit dem Kopf ins Wasser fielen und dabei ohnmächtig wurden. Oder war es Selbstmord? Noch konnte nichts ausgeschlossen werden. Nur, wie sollte er jetzt weiter vorgehen? Natürlich hatte er damals in der Polizeischule gelernt, was in einem derartigen Fall zu tun war. Aber es war mitten in der Nacht. Sollte er nicht besser bis morgen früh warten und dann die notwendigen Stellen informieren? Jedenfalls musste er zuerst die beiden Nachtschwärmer loswerden, bevor sie noch mehr Schaden am Tatort anrichten konnten.
„Gut, Fredi. Dann bring jetzt mal besser Karl nach Hause. Ich erledige das hier“, sagte er bestimmt. „Und halte dich morgen zu meiner Verfügung. Ich benötige ein Protokoll mit deiner Aussage“, brachte Meier noch jene Worte an, die ihm aus den vielen Krimis, die er sich regelmäßig im Fernsehen anschaute, so geläufig waren. Vielleicht war ja jetzt der Moment gekommen, an dem er auf seine alten Tage noch vom Dorfpolizisten, der Strafzettel verteilte und zuweilen einen Streit schlichtete, zum Kommissar, der einen richtigen Fall zu lösen hatte, aufstieg.

Kapitel 2

Meier verließ den Tatort mit dem festen Entschluss, die notwendigen Ämter erst am Morgen zu verständigen. Er würde um diese nächtliche Uhrzeit bei der Staatsanwaltschaft sowieso niemanden erreichen und der Mann war definitiv tot. Da die örtliche Polizeiinspektion in direkter Nähe lag, ging er zu Fuß und ließ sein Auto vor dem Gemeindeamt stehen. Nach den Ereignissen dieser Nacht konnte er die frische Luft gut gebrauchen. In dem kleinen Polizei-Kabäuschen, das direkt an das Bankgebäude grenzte, hatten sie nebst der spärlichen Büroeinrichtung noch ein wenig Platz für eine Couch geschaffen. Diese stand sowohl für Besucher als auch als Schlafstätte für Bereitschaftsdienste zur Verfügung. Letztere Nutzungsvariante wurde allerdings in der Regel selten in Anspruch genommen. Müde legte er sich auf das schmale Ding, und versuchte noch ein paar Stunden Schlaf zu finden.

Um kurz vor sieben Uhr morgens wachte er auf. Völlig verspannt und unter quälenden Schmerzen stand er auf. Die Couch war viel zu kurz und für seinen sonst schon angeschlagenen Rücken keineswegs geeignet. Noch war er alleine, denn sein Kollege Altmann ließ sich vor acht Uhr nie im Büro blicken. So blieb ihm genügend Zeit, die aufgeschobenen Pflichten, die vor ihm standen, in Ruhe und ungestört zu erledigen. Im Kopf ging er noch einmal kurz durch, was zu tun war, wenn eine Person aufgefunden wurde, bei der ein Tod durch Fremdverschulden nicht auszuschließen war. Zuallererst informierte er den Bereitschaftsbeamten der Staatsanwaltschaft in Feldkirch über den Fundort eines Toten. Dieser gab ihm die Anweisung, er solle an Ort und Stelle bleiben und dafür Sorge tragen, dass kein Unbefugter den Tatort betrat. Der Beamte der Staatsanwaltschaft versicherte ihm, dass in Kürze die Spurensicherung und ein Gerichtsmediziner eintreffen würden. „Ach du Scheiße“, schrie Meier, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte. Er war nicht annähernd an Ort und Stelle, um dafür Sorge zu tragen, dass niemand unbefugt den Tatort betrat. Hektisch packte er seine Jacke und eilte zurück zum Gemeindeamt. Dort sah er schon von Weitem einige Schaulustige auf der Brücke stehen, die auf den im Wasser liegenden Körper deuteten. Er rannte gerade so schnell, dass er keinen Infarkt befürchten musste.
„Los Leute, geht weiter. Das hier ist Sache der Polizei. Ihr versperrt nur den Weg und behindert unsere Arbeit“, keuchte er, als er die Menge endlich erreichte.

Nur sehr langsam ließen sich die Dorfbewohner von ihm überzeugen und machten sich auf, ihren Erledigungen nachzugehen. Wenige Minuten später traf der Trupp der Spurensicherung ein. Zwei in weißen SpuSi-Anzügen gekleidete Beamte begannen, den Tatort mit rot-weißem Absperrband zu sichern. Ein Dritter machte Nahaufnahmen vom Toten und der gesamten Umgebung rund um ihn. Der vierte Beamte suchte nach Hinweisen, die auf die Ursache des Geschehens hindeuten konnten. Die Spurensicherung ging zum jetzigen Zeitpunkt sicherlich nicht von einem Tötungsdelikt aus. Nur der Gerichtsmediziner war in der Lage, ein mögliches Fremdverschulden festzustellen, wusste Meier noch von seiner Zeit als Auszubildender. Prompt fuhr dieser mit seinem roten Sportwagen vor. Die Gehaltsstufen bei Gericht mussten wohl rasanter steigen, als jene bei der Polizei, dachte sich Meier grimmig. Aus dem Auto stieg ein gut aussehender Mittdreißiger. Er kam direkt auf ihn zu und hielt ihm seine Hand entgegen. Misstrauisch nahm Meier sie entgegen. Auf diese großkotzigen Beamten aus der Stadt war er nicht sonderlich erpicht.
„Haben Sie die Leiche gefunden, Herr …“, wollte der junge Mediziner von ihm wissen.
„Meier. Polizeiinspektor Meier“, antwortete er ihm kühl.
„Herr Polizeiinspektor Meier“, wiederholte sein Gegenüber.
„Nein, nicht ich habe ihn gefunden. Der Gastwirt von nebenan hat ihn entdeckt und mich sofort verständigt.“
Im selben Moment wusste Meier, dass seine Antwort nicht sonderlich gescheit gewesen war.
„Wann war das ungefähr?“
Meier zögerte, kurz bevor er ihm die Wahrheit gestand.
„Es war zwei Uhr nachts, als ich den Anruf erhielt“, stammelte er.
„Und warum bin ich erst jetzt gerufen worden? Herrgott noch mal! Wissen Sie denn nicht, wie viel wertvolle Zeit mittlerweile vergangen ist?“
Meier zuckte nur mit den Schultern. Der Gerichtsmediziner wandte sich wütend von ihm ab und stapfte mit einer dicken Tasche in der Hand zum Bachbett. Meier wartete geduldig auf der Brücke und versuchte verzweifelt, alle weiteren Schaulustigen zu verscheuchen, was ihm nur schwerlich gelang. Wenn schon einmal etwas Besonderes im Dorf geschah, wollte jeder mehr gesehen haben als der andere, damit der Tratsch und Klatsch auch ja kein Ende nehmen konnte. Sogar der Bürgermeister musste durch den Lärm aufmerksam geworden sein, denn er sah ihn am geöffneten Fenster seines Dienstzimmers stehen. Als er Meier in der Menge entdeckte, rief er ihm zu: „Was ist denn los da unten?“
„Ein Toter wurde im Bachbett gefunden!“, schrie ihm Meier zu.
„Ein Verkehrsunfall?“
„Nein.“
„Was dann?“
„Wissen wir noch nicht.“
„Einer aus dem Dorf?“
„Kann ich noch nicht sagen.“
„Halt mich auf dem Laufenden!“

Er schloss das Fenster und verschwand wieder hinter dem dicken Vorhang des Amtszimmers. Entnervt rief Meier in der Polizeiinspektion an. Er weihte seinen Kollegen Altmann kurz in das Geschehen ein und befahl ihm, ihn unverzüglich dabei zu unterstützen, die neugierige Meute im Griff zu behalten. Altmann war nahezu zwei Meter groß und hatte einen im Fitnesscenter gestählten und durchtrainierten Körper. Manchmal fürchtete Meier, dass die Nähte seiner Uniform platzen könnten, so eng saß sie. Kein Zweifel, dass er ihm hier eine große Hilfe sein würde. Außerdem blieb ihm damit mehr Zeit, sich der Arbeit der Spurensicherung und des Gerichtsmediziners zu widmen. Er war schließlich der zuständige Polizeibeamte vor Ort und musste über sämtliche Fakten und Hinweise informiert sein. Nicht, dass er von sich behaupten konnte, an Kriminalfällen außerhalb des Fernsehapparates sonderlich interessiert zu sein. Trotzdem begann ihm die Verantwortung, die er hier und jetzt zu tragen hatte, richtigen Spaß zu bereiten. Diesen Fall würde er nicht mehr aus der Hand geben, soviel stand fest. Leider würde ihm sein junger Kollege dabei keine große Hilfe sein. Der richtete nämlich seine Augen ab einer Minute vor Dienstschluss nur noch starr auf das Ziffernblatt der Uhr und zählte gemeinsam mit dem Sekundenzeiger die noch verbleibende Dienstzeit. Um Punkt fünf Uhr packte er seine Sachen, winkte ihm fröhlich zu und verschwand durch die Tür. An Bereitschaftsdienst oder gar Überstunden war bei ihm nicht zu denken. Er hatte Wichtigeres zu tun, als seine Zeit im muffigen Dienstzimmer einer Polizeiinspektion zu vergeuden. Die allabendliche Mountainbike-Tour mit seinen Freunden wollte er auf keinen Fall versäumen. Doch sollte sich herausstellen, dass der junge Mann da unten im Bachbett eines unnatürlichen Todes gestorben war, dann musste auch Altmann endlich mehr Einsatz in seinem Job zeigen. Ob ihm dadurch seine Freizeitgestaltung durcheinandergebracht wurde oder nicht, er würde als Leiter der Ermittlungen dafür Sorge tragen. Mit geschwellter Brust begab er sich hinunter zum Tatort und überließ Altmann die Kontrolle über die sensationslüsternen Dorfbewohner.

„Wie heißen Sie eigentlich?“, fragte er den Arzt, der sichtlich erschrak, als ihn Meier von hinten ansprach. „Müssen Sie sich so von hinten anschleichen?“, fuhr er ihn an. „Ich bin mitten in der Arbeit und kann es auf den Tod nicht ausstehen, so rüde unterbrochen zu werden. Höflichkeiten können wir später austauschen. Lassen Sie mich in Ruhe weiterarbeiten, und belästigen Sie jemand anderen“, fuhr er grob fort. Beleidigt ging Meier zu einem der Beamten der Spurensicherung.
„Und, schon irgendwelche Erkenntnisse?“, fragte er freundlich.
„Nein“, gab dieser knapp zurück, ging weiter seiner Arbeit nach und ließ Meier einfach links liegen. Meier war es leid, von diesen Stadt-Heinis wie ein trotteliger Dorfpolizist behandelt zu werden.
„Schauen Sie mich gefälligst an, wenn ich mit Ihnen spreche und geben Sie mir eine ordentliche Antwort, Junge!“, schrie er ihn an. „Oder soll ich mich bei Ihrem Vorgesetzten über Sie beschweren?“
Überrascht über die heftige Reaktion seines Kollegen blickte der junge Beamte auf.
„Sorry, Mann. War nicht so gemeint. Aber ich hasse es, im kalten Wasser herumstehen zu müssen und bereits zu wissen, dass wir nichts Brauchbares darin finden werden. Es ist immer dasselbe“, berichtete er ihm nun etwas Gesprächiger. Meier nickte mit grimmigem Gesichtsausdruck. Dann wandte er sich von ihm ab und kletterte wieder hoch zur Brücke. Es blieb ihm nichts anderes übrig. als abzuwarten, bis die Herrschaften ihre Arbeit erledigt hatten.
Eine Stunde später kam der Krankenwagen. Der noch nicht identifizierte Leichnam wurde in einen Plastiksack gehoben und in die Gerichtsmedizin abtransportiert. Die vier Spurensicherungsbeamten und der Gerichtsmediziner beendeten vorerst ihre Arbeit.
„Ich heiße übrigens Peter Lackner und arbeite in der Pathologie des Landeskrankenhauses Feldkirch“, wandte sich der Arzt freundlicher als zuvor an Meier. Er zog sich seine Wachshandschuhe von den Fingern und hielt Meier noch einmal die Hand zum Gruß hin.
„Der junge Mann ist ziemlich schlimm zugerichtet. An seinen Händen und Füßen sind deutlich starke Brandwunden zu erkennen. Wie er sich die zugezogen hat, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Auch nicht, woran er definitiv gestorben ist. Den Zeitpunkt des Todes würde ich auf zwei Uhr morgens schätzen, vielleicht etwas später. Genaue Angaben kann ich aber auch dazu erst machen, wenn ich ihn mir auf dem Obduktionstisch unter die Lupe genommen habe. Übrigens, er dürfte so um die zwanzig Jahre alt gewesen sein.“
„Glauben Sie, dass es sich um Mord handelt?“, fragte Meier neugierig.
„Mit den jetzigen Erkenntnissen lässt sich das nicht ausschließen, aber Sicherheit bekommen wir vermutlich nach der Autopsie. Muss ich Sie bezüglich des Abschlussberichtes kontaktieren, oder gibt es bereits einen zuständigen Polizeihauptkommissar?“
Durch diese simple, unüberlegte Frage war die Annäherung zwischen den beiden bereits wieder verflogen.
„Natürlich bin ich Ihr Ansprechpartner. Dies ist meine Gemeinde. Ich bin hier der Polizeichef und deshalb ist dies auch mein Fall, verstanden?“, machte er seinem Zorn Luft.
„Alles klar. Nichts für ungut. Ich wollte nur sichergehen. Ich melde mich bei Ihnen, sobald der Obduktionsbericht zur Verfügung steht.“
Doch Meier hatte sich bereits von ihm abgewandt und schritt auf die Gruppe der Spurensicherer zu.
„Irgendetwas Brauchbares gefunden? Einen Ausweis, eine Brieftasche oder ein anderes Indiz, das uns Auskunft über seine Identität gibt?“, fragte er mit Nachdruck und Selbstbewusstsein in seiner Stimme. Alle vier schüttelten den Kopf.
„Na großartig. Schicken Sie mir unverzüglich die Bilder vom Tatort in die Polizeiinspektion und alles, was Sie sonst noch an verwertbarem Material gefunden haben. Und beeilen Sie sich!“
Er drehte sich jäh um, damit sie das nicht mehr zu unterdrückende Grinsen in seinem Gesicht nicht sehen konnten. Die verdutzten Männer ließ er einfach stehen und war mit seinem gelungenen Abgang äußerst zufrieden.

Kapitel 3

Otto Meier feierte noch dieses Jahr seinen fünfundfünfzigsten Geburtstag. Er war immer noch ein stattlicher Mann, obwohl seine Gattin wiederholt betonte, dass er in den letzten Jahren um die Hüften einiges an Umfang zugelegt hatte. Auch sein Haar büßte von seiner ursprünglichen Fülle so manches ein und wurde zunehmend grauer. Doch er hatte mit all diesen Alterserscheinungen keine Probleme. Im Gegenteil, er fühlte sich immer wohler, je älter er wurde. Was wollte ein Mann mehr, als von sich sagen zu können, dass er in seinem Leben fast alles erreicht hatte, was er erreichen wollte. Um ehrlich zu sein, hatte ihn der berufliche Ehrgeiz nie so richtig gepackt. Bei ihm standen Familie und Freunde immer an erster Stelle. Einfluss und Geld fanden in seinem Leben keinen Platz. Mit fünfundzwanzig Jahren beendete er die Polizeischule und arbeitete seit nunmehr dreißig Jahren als Schutzpolizist in seiner Heimatgemeinde Frastanz. Gemeinsam mit seinem jungen Kollegen Altmann, der vor wenigen Monaten die Polizeischule mit Erfolg absolviert hatte, sorgte er im Dorf für Recht und Ordnung. Kein allzu schwieriges Unterfangen, denn die Straftaten, die hierzulande begangen wurden, hielten sich bis dahin durchaus in Grenzen. Sie waren zwar in den letzten fünf bis zehn Jahren um einige Prozentpunkte gestiegen, aber das lag im durchschnittlichen Rahmen. Mit Mord und Totschlag waren sie allerdings noch nie in Berührung gekommen. Im Großen und Ganzen war er mit seinem Job durchaus zufrieden. Jeder kannte und respektierte ihn und er war im Dorf fast überall gern gesehen. Sein gesamtes bisheriges Leben hatte er in dieser Gemeinde verbracht. Er war aktives Mitglied bei der Feuerwehr, spielte in der Blaskapelle die zweite Trompete und hatte auch in der Kirchengemeinde einiges an Mitspracherecht. Mit zwanzig Jahren lernte er Anita, seine Ehefrau kennen. Sie stammte ebenfalls aus Frastanz, und um das Familienglück zu komplettieren, wurden ihnen zwei Kinder geschenkt. Da sie sich mit seinem kleinen Beamtengehalt keinen eigenen Grund und Boden leisten konnten, waren sie gezwungen, das Familienhaus seiner Eltern auszubauen. Anita war zu Beginn ihrer Ehe alles andere als begeistert von dieser Idee. Mittlerweile arrangierte sie sich aber längst mit seinen Eltern, die sich wirklich bemühten, sich nicht zu sehr in ihr Leben einzumischen. Ihr Haus befand sich nicht direkt im Dorf, sondern am Berg oberhalb der Kirche. In schneereichen Wintern war es zwar oft sehr mühsam, die steile Straße hinaufzukommen, aber vor einigen Jahren hatte er sich einen SUV mit Allradantrieb gegönnt. Zudem wurden die ergiebigen Schneefälle von Jahr zu Jahr weniger. Und der umwerfende Blick auf den gesamten Walgau machte sämtliche Unannehmlichkeiten wieder wett. Der wohl einzige Wermutstropfen in seinem Leben bestand darin, dass ihre beiden Kinder ihr Glück im Ausland gefunden hatten und sie die beiden deshalb nur sehr selten zu Gesicht bekamen. Er selbst hatte weniger damit zu kämpfen, da er zufrieden war, solange es ihnen gut ging. Seine Frau Anita hingegen hätte es viel lieber gesehen, wenn zumindest eines der beiden Kinder im Dorf ein Häuschen besäße und mit ihren Enkelkindern dort wohnte. Aber das Schicksal wollte es eben anders. Obwohl Anita des Öfteren vorschlug, die beiden zu besuchen, weigerte er sich strikt. Er hatte bis jetzt erfolgreich zu vermeiden gewusst, in ein Flugzeug zu steigen. Und diesen Umstand würde er nicht mehr ändern, auch wenn seine Frau wenigstens einmal in ihrem Leben gerne die weite Welt erkundet hätte. Ihm hingegen reichten die Berge, die herrlich frische Luft und die friedliche Umgebung. Nicht, dass er sonderlich sportlich gewesen wäre. Er begnügte sich damit, an Wochenenden kleinere Wanderungen zu unternehmen und anschließend ein großes Bier in einem schattigen Gastgarten zu genießen. Brauchte ein Mann wirklich noch mehr?

Lust auf mehr?    amazon Kindle Shop



Leseprobe als PDF

Prolog

Dunkelheit und Stille waren seine ständigen Wegbegleiter. Nur wenn es unbedingt notwendig war, setzte er sich dem Lärm und dem grellen Tageslicht der Welt da draußen aus. Er hatte die Einsamkeit, die ihn in seinen vier Wänden umgaben in den letzten Jahren schätzen gelernt. Nichts konnte seine innere Ruhe, die er in den Stunden seiner Schaffenskraft empfand, trüben. Sein gewohntes und mittlerweile so vertrautes Umfeld war von sämtlichem Lärm und Elend abgeschirmt. Und doch fühlte er sich noch lange nicht angekommen. Sein angestrebtes Ziel konnte nur mit viel Geduld und Ausdauer erreicht werden. Zudem war er Perfektionist und verabscheute jegliches Versagen. Seine Anhängerschaft wuchs zweifellos von Monat zu Monat, aber er war trotzdem bei Weitem noch nicht am Bestimmungsort seines Bestrebens angelangt. Auf diesem verrohten Planeten wimmelte es nur so von verwirrten und orientierungslosen Menschen, die nur darauf warteten, von ihm gedrillt und unterwiesen zu werden. Sie lechzten geradezu nach Antworten und hingen an seinen virtuellen Lippen wie die Motte am Licht. Er würde ihnen geben, was sie wollten und sie würden ihm über kurz oder lang den gerechten Lohn für seine Dienste zurückzahlen.

Er klappte seinen Laptop auf. Der Bildschirm erwachte nach einigen sich endlos anfühlenden Sekunden zum Leben. Die Oberfläche des sozialen Netzwerkes Fredboard poppte auf. Jene Schnittstelle, die er fast ausschließlich als seinen Kontakt zur Außenwelt nutzte. Dieses unglaubliche Instrument der Manipulation wurde ihm, seit er es per Zufall im Internet entdeckte, ein sehr guter Freund. Ohne Fredboard hätte er zweifellos nicht das erreicht, was ihm bis heute nur mithilfe dieses Instruments gelungen war. Und trotzdem konnte er sich immer noch nicht siegesbewusst auf die Schulter klopfen. Er hatte noch einen weiten Weg vor sich. Der laute Piepton, welcher ihm einen eventuellen neuen Anhänger ankündigte, riss ihn aus seinen euphorischen Gedanken. Er lächelte. Keine Minute später meldete sich der neue Schützling persönlich auf seiner Pinnwand. Er wollte seinen Rat, wie schon vor ihm duzende andere auch. Diesen sollte er bekommen. Gratis und ohne jede finanzielle Vergütung. Bei der ersten Konsultation war er seit Beginn seiner Tätigkeiten im Netz kulant und freizügig. Diese Taktik hatte sich bewährt und aus diesem Grund behielt er sie auch weiterhin bei. Erst wenn er überzeugt war, dass er sich dem neuen Anhänger sicher sein konnte, begann er einen finanziellen Anspruch für seine Hilfe einzufordern. In der Regel nicht in Form von materieller Unterstützung, außer er war knapp bei Kasse, was bei seinem Lebenswandel nicht oft zutraf. Es war ihm viel mehr daran gelegen, die dunkle Seele seiner Fans herauszufordern. Er lechzte danach, sie an die Grenze des Vorstellbaren zu treiben. Wie weit würde der Einzelne wirklich gehen, um seine innere Unzufriedenheit zu besiegen und seinen Seelenfrieden zu finden? Die Seele des Menschen war schwach und grausam, auch wenn viele Psychiater und anderweitig vermeintliches Fachpersonal versuchten, der Welt vorzugaukeln, dass das Gegenteil zutraf. Die vielen Wiederholungstäter, die kaum auf freiem Fuß erneut straffällig wurden, ignorierten sie einfach. Er würde der Welt beweisen, dass er mit seiner Einschätzung des menschlichen Charakters im Recht war. Die Kunst des Manipulierens war dabei sein größter Trumpf.

Schnell tippte er eine nützliche und einfach umsetzbare Antwort auf die soeben eingegangene Anfrage ein. Sie war kurz aber präzise. Wenn der neue Anwärter seiner Gunst nur über eine Spur Intelligenz verfügte, würde er die gestellte Aufgabe ohne gröbere Probleme lösen. Wenn nicht, wäre er für seinen illustren Kreis sowieso nicht geeignet. Wie lange würde es wohl dauern, bis das jüngste Mitglied seiner Fangemeinde die nächste und bedeutende Stufe seiner Hilfe in Anspruch nahm?

Kapitel 1

Johannes stand gelangweilt auf der Brücke und beobachtete die zahlreichen Fische, die im Fluss nach den Brotkrümeln schnappten, die er ihnen in regelmäßigen Abständen zuwarf. Wieder einer dieser nicht enden wollenden, ereignislosen Sonntage. Wenn nur schon Montag wäre, dachte er sich. Dann würde er wenigstens nicht hier alleine herumlungern müssen, um seine trostlose Freizeit endlich hinter sich zu bringen. Die Tage im Büro waren diesen jämmerlichen Sonntagen bei Weitem vorzuziehen. Er hasste das Wochenende. Wahrscheinlich war er der einzige Mensch auf dieser gottverdammten Welt, der so dachte. Seit Rosi ihn verlassen hatte, war nichts mehr so, wie es einmal war. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie ihr aufgeschlossenes Wesen ihn vor einem Jahr behutsam aus seinem Schneckenhaus herauskriechen ließ. Aber ihre Bemühungen währten nicht lange. Schon nach kurzer Zeit wurde ihr fad und sie langweilte sich in seiner Gegenwart. Im fehlte einfach der Antrieb und die Kraft, mit ihr etwas Schönes und Aufregendes zu unternehmen. Nach allem, was ihm in der Zeit vor ihrem Kennenlernen widerfahren war, genügte es ihm, sie in seiner Nähe zu wissen. Er schaffte es nicht, über seinen eigenen Schatten zu springen, obwohl es ihm nicht entgangen war, wie sehr sie darunter litt. Warum, verstand er bis heute nicht. Seine andauernde Übellaunigkeit und depressiven Phasen machten sie müde, hatte sie ihm als Erklärung aufgetischt. Sie wollte einfach nur Leben und konnte es nicht länger ertragen, von ihm in die Tiefe gezogen zu werden. Und dann geschah, was geschehen musste. Von einem Tag auf den anderen packte sie ihre Sachen und verschwand. Für immer machte sie ihm unmissverständlich klar, was sie mit den Worten bestärkte, dass er nicht nach ihr suchen und sie schon gar nicht telefonisch kontaktieren solle. Sie hatte definitiv genug von ihm. Vermutlich war er einfach dazu bestimmt, als Eigenbrötler und Sonderling sein Dasein zu fristen.

Als das gesamte Brot aufgebraucht war, und sich die Fische bereits in alle Himmelsrichtungen davon gemacht hatten, verließ auch Johannes die Brücke und machte sich auf den Weg in seine leere, öde Wohnung. Nachdem er wieder Single war, hielt ihn im kleinen Apartment, das er gemeinsam mit Rosi eingerichtet hatte, nichts mehr. Um ein Haar hätte er die verkehrte Richtung eingeschlagen und den Bus in den falschen Stadtteil genommen. Bevor die automatischen Türen geschlossen wurden, konnte er gerade noch aussteigen und sich schnurstracks auf den korrekten Weg machen. Zu Hause angekommen warf er sich genervt auf seine abgewetzte Couch und schaltete den Fernseher mit dem Wissen ein, dass in den ihm zur Verfügung stehenden Programmen nichts Interessantes lief. Aber immer noch besser, sich durch die verschiedenen Programme zu zappen, als gar nichts zu tun. Wie viele Stunden musste er noch in dieser Stellung verharren, bis er endlich ohne schlechtes Gewissen schlafen gehen konnte? Fünf endlose Stunden!
„Na du Penner. Sitzt du schon wieder wie ein geschlagener Hund vor der Glotze?“
Johannes blickte in die Richtung, von wo er die Stimme vernahm. Wie immer klang sie unfreundlich, aber er war nichts anderes gewohnt.
„Lass mich doch in Ruhe“, flüsterte er müde.
„Niemals …“, hauchte ihm die Stimme direkt ins Ohr.
Johannes konnte den feuchten Atem regelrecht spüren. Die damit verbundene starke Erregung ließ ihm an den Armen eine Gänsehaut aufziehen. Er fröstelte und fing leicht zu zittern an. Sein hämisches Lachen drang laut an ihn heran. Verzweifelt hielt er sich seine Ohren mit den Händen zu und presste seine Augen fest zusammen. Er wollte nichts mehr hören und nichts mehr sehen. Wann würde dieser Albtraum endlich zu Ende gehen?
„Verschwinde!“, schrie er hysterisch in den Raum.

Johannes konnte sich noch gut daran erinnern, als er ihn zum ersten Mal mit seiner Gegenwart belästigte. Wie gerade jetzt stand er lässig mit über der Brust verschränkten Armen im Türrahmen. Obwohl Johannes die Gestalt nur sehr verzerrt wahrnahm, ähnlich dem Schwarz-Weiß-Bild eines flimmernden Fernsehers, wusste er sofort, dass es sich um seinen toten Bruder handelte. Natürlich war ihm damals klar, dass er halluzinierte, aber auch nachdem er mehrmals seine Augen mit den Händen wach zu reiben versuchte, war das Ergebnis dasselbe. Die Gestalt, die unverändert vor seinen Augen auftauchte, war definitiv Christoph, sein vor drei Jahren auf tragische Weise verunglückte Bruder.

Es geschah während eines Segeltörns in Kroatien, den sie seit langer Zeit jährlich gemeinsam unternommen hatten. An dem besagten Tag war Sturm angesagt, aber sie wollten trotzdem hinausfahren. So schlimm konnte es nicht werden. Sie waren beide äußerst erfahrene Segler und sie liebten es, wenn die See etwas rauer war. Doch die Wellen brachen stärker, als das Boot bewältigte. Johannes übernahm das Steuer, während Christoph das Vorsegel einholte. Eine riesige Welle überschwappte das Boot und es stand kurz davor, umzukippen. Nur aufgrund der schnellen Reaktion des Steuermannes war ein Kentern gerade noch zu verhindern. Jedoch, nachdem das Segelschiff seine waagrechte Position wieder eingenommen hatte, war von Christoph nichts mehr zu sehen. Johannes fuhr ein Mann-über-Bord-Manöver nach dem anderen, aber von seinem Bruder fehlte jede Spur. Er wurde nie gefunden. Bis heute gab sich Johannes die Schuld für dieses Unglück. Er war der ältere der beiden und er allein trug die Verantwortung. Sie hätten die Warnung der Hafenmeisterei damals nicht unter den Tisch kehren dürfen, dann wäre sein jüngerer Bruder jetzt noch am Leben. Seit dieser Geschichte fand er nur mehr wenig Schlaf und verlor mehr als zehn Kilo seines Gewichts. Er konnte beinahe als hager bezeichnet werden und sein Gesichtsteint wirkte alles andere als gesund. Nicht, dass er schlecht ausgesehen hätte, er war immer noch ein attraktiver Mann, aber die Lebensenergie war nahezu vollständig aus seinem Körper gewichen. Dass seine Eltern den Kontakt zu ihm völlig abgebrochen hatten, nagte zusätzlich an ihm. Er unterhielt bis zum Zeitpunkt des Unfalls ein gutes Verhältnis mit ihnen. Auch mit der Tatsache, dass Christoph seit seiner Geburt ihm gegenüber bevorzugt wurde, konnte Johannes gut leben. Doch nach dem Tod seines jüngeren Bruders wurde alles anders. Seine Mutter konnte ihm nicht einmal mehr ins Gesicht sehen und sein Vater verschwand jedes Mal in seiner Werkstatt, wenn er sie besuchte. Nach ein paar Monaten gab er auf. Seither hatte er sich nicht mehr bei ihnen gemeldet. Das Kapitel Familie war für ihn endgültig abgeschlossen. Außer seinem Bruder natürlich, der ihn partout nicht loslassen wollte.

Die erste Begegnung mit seinem toten Bruder ließ Johannes freilich nicht in Ruhe. Mehr noch, sie beunruhigte ihn aufs Äußerste. War dies das erste Anzeichen zum Wahnsinn? Seine intensiven Recherchen im Internet ergaben, dass Personen, die in jungen Jahren schwer traumatisiert wurden, in manchen Fällen die sogenannte multiple Persönlichkeit entwickelten. Es hieß weiter, dass die Betroffenen auf diese Weise Abstand zu den schrecklichen Ereignissen, die sie durchstehen mussten, gewinnen konnten. Seit nunmehr zwei Jahren besuchte Christoph ihn regelmäßig und machte ihm die Hölle heiß, dass er endlich sein Leben wieder in den Griff bekommen musste. Aber wie sollte er jemals wieder ein normales Leben führen können, wenn zwei Menschen in seinem Gehirn das Sagen hatten?

Kapitel 2

Das laute Geräusch neben Peters Kopf beendete abrupt seine Nachtruhe. Sein Schädel brummte. Waren doch zu viele Bier gestern Nacht, dachte er sich ernüchternd. Er griff zu seinem Mobiltelefon, um dem nervenden Klingelton endlich ein Ende zu setzen.
„Hey Alter. Auch schon wach?“, fragte ihn eine Stimme, die ihm sehr vertraut war.
„Was heißt hier schon. Ich hätte noch eine Runde weitergepennt, wenn du mich nicht in aller Herrgottsfrühe mit diesem Höllenlärm aus dem Schlaf gerissen hättest“, knurrte Peter in den Hörer.
„Es ist bereits Nachmittag, du Hirsch. Und falls du’s vergessen haben solltest, waren wir zum Tennis verabredet“, erinnerte ihn Jürgen, sein bester Freund seit ihrer frühen Kindheit.
Ach du liebe Scheiße, das hatte er völlig vergessen. Bei seinen vielen privaten Terminen, kein Wunder. Er war wie ein Getriebener, hielt es kaum zwei Stunden alleine in seiner Wohnung aus und fühlte sich nur in Gesellschaft mit seinen Freunden wirklich wohl. Und davon hatte er genügend. Die Natur hatte es gut mit ihm gemeint. Groß gewachsen und mit einem athletischen Körper ausgestattet war er schon in seiner Kindheit ein beliebter Spielgefährte. Später entwickelte er sich zudem noch zu einem gut aussehenden jungen Mann, auf den die Mädchen scharenweise flogen. Seine aschblonden Haare trug er immer etwas zu lang, was sein Aussehen etwas spitzbübisch und alles andere als ernsthaft erscheinen ließ. Die symmetrischen, feinen Gesichtszüge und die makellose Haut, die keine Spuren pubertärer Akne aufwies, wirkten vielleicht auf den ersten Blick etwas feminin, aber schadeten seiner Attraktivität keinesfalls. Peter war ein äußerst hübscher Mann und er wusste diesen Vorteil auch für sich auszunutzen. Zudem trugen seine unkomplizierte und offene Art ebenfalls dazu bei, dass es für ihn ein Leichtes war, Menschen für sich zu gewinnen. Vermutlich hatte er sich deshalb vor vier Jahren zu einem Studium der Psychologie entschieden. Wenngleich zuhören nicht zu seinen Stärken zählte, konnte er eine Person ausgezeichnet motivieren, ohne sie dabei zu manipulieren. Peter sah in jedem Menschen in erster Linie das Gute und war überzeugt davon, dass jemand nur durch falsche Einflüsse schlimme Taten begehen konnte. Er liebte die Arbeit mit Menschen und konnte sich ein anderes berufliches Betätigungsfeld nicht vorstellen, außer vielleicht einer sportlichen Profikarriere. Er spielte leidenschaftlich gern Tennis. Aber um wirklich seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, hatte er vermutlich doch zu wenig Biss und Ausdauer. Außerdem hätten ihm seine Eltern diese Spielerei sowieso nie finanziert. Sie waren bereits mit der Wahl seines Studienfaches alles andere als begeistert und nannten es eine brotlose Kunst. Peter war zwar ihr einziges Kind, aber sie hatten ihre Prinzipien und folgten klaren Regeln. Der Junge sollte einen richtigen Beruf erlernen, war eine davon. Was dabei richtig oder falsch war, entschieden sie. Seine Eltern ließen sich von seinem Charme nicht einwickeln. Sie hatten ihm schon früh vermittelt, dass attraktiv zu sein allein im Leben nicht ausreichte. Harte Arbeit und Disziplin führten schlussendlich zum Erfolg. Vielleicht weil seine Mutter ihn sehr spät zur Welt brachte, waren sie stets streng und unnachgiebig ihm gegenüber. Aber dieses eine Mal hatte Peter sich trotzdem durchgesetzt und darauf bestanden, entweder diesen Studiengang zu absolvieren oder ins Ausland zu gehen. Nach Langem hin und her gaben sie dann endlich klein bei, da sie ihren Sohn doch nicht an die große weite Welt verlieren wollten. Ob er diesen Schritt allerdings wirklich durchgezogen hätte, war er sich nicht so sicher.

Obwohl er überhaupt keine Lust hatte, sich in seinem derzeitigen Zustand körperlich zu verausgaben, versprach er seinem langjährigen Gefährten, in einer halben Stunde am Tennisplatz zu erscheinen. Immer noch besser mit einem Kater Sport zu treiben, als den ganzen restlichen Nachmittag alleine in seiner Wohnung herumzuhängen. Außerdem tat ihm die frische Luft sicherlich gut, bevor er sich heute Abend zu einem Stelldichein mit Rosalie traf, von dem er sich so einiges erwartete. Erst gestern lernten sie sich kennen und er war auf Anhieb ganz begeistert von ihr. Sie verfügte über extrem viel Pfiff und Elan und ihre wohlgeformten weiblichen Proportionen reizten ihn sehr, um ganz ehrlich zu sein. Zudem war sie unterhaltsam und ausnehmend hübsch. Mit ihren graublauen Augen und den dunklen Haaren, die ihr wie eine Kaskade wilder Locken über den Rücken fielen, schaute sie beinahe ein wenig unanständig aus. Doch ihre feingliedrigen Gesichtszüge machten diese etwaige Anrüchigkeit wieder wett. Er hatte sofort einen Narren an ihr gefressen. Mann, was hatten sie beide gelacht. Noch nie hatte er sich mit einer Frau so auf Anhieb und ohne Hintergedanken gut verstanden. Er war kein Kind von Traurigkeit und wusste seine Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht sehr wohl einzusetzen. Schon sehr früh konnte er seine ersten sexuellen Erfahrungen machen. Seine Freunde beneideten ihn förmlich um diese Gabe, jede Frau um den Finger zu wickeln. Aber mit der Zeit langweilten ihn die One-Night-Stands, die jedes Mal damit endeten, dass er sich am nächsten Morgen verstohlen aus der fremden Wohnung schlich. Mit Rosalie schien es allerdings ganz anders zu sein. Sex stand nicht an erster Stelle. Im Gegenteil, er wollte es langsam angehen und ihnen beiden Zeit lassen. Aber sollte es sich trotzdem ergeben, würde er sie auf keinen Fall abweisen. Natürlich verbrachten sie noch nicht viel Zeit miteinander, aber in ihrer Gegenwart fühlte er sich wie ausgewechselt. Er hatte nicht das Bedürfnis sie vollzuquatschen, wie es sonst seine Art war. Er lauschte gebannt ihren Ausführungen und Erzählungen, die sie derart humorvoll in Worte fasste, dass er gar nicht mehr aufhören konnte zu lachen. Wenn der heutige Abend nur einigermaßen so verlaufen würde, wie er es sich ausmalte, dann konnte einer längeren Beziehung eigentlich nichts mehr im Wege stehen.

Kapitel 3

Bestens gelaunt verließ Peter eine halbe Stunde später sein Apartment. Zwar immer noch mit einem Brummschädel, aber die kalte Dusche konnte das stetige Hämmern in seinem Kopf etwas mildern. Er war eben eine Frohnatur und ließ sich nur wegen ein bisschen Kopfschmerzen, die er sich zudem selbst zuzuschreiben hatte, nicht den Spaß verderben. Nach den ersten Stufen auf dem Weg nach unten vernahm er einen lauten Knall, gefolgt von einem derben Plumps. Peter blieb stehen. Die unangenehmen Geräusche schienen direkt von seinem Stockwerk zu kommen. War in seiner Wohnung etwas explodiert? Den Gasherd hatte er mit Sicherheit heute noch nicht eingeschaltet, und sonst war er bis jetzt auch nur im Badezimmer zugange. Trotzdem ließ ihm dieser ungewöhnliche Laut keine Ruhe, er musste der Sache nachgehen. Also ging er zurück und inspizierte sein Apartment. Auf die paar Minuten würde es nicht ankommen. Doch da war nichts. Aus seiner Wohnung kam der laute Knall schon mal nicht. Konnte somit nur sein Nachbar der Verursacher sein. Mit dem jungen Mann von gegenüber war Peter nicht sonderlich vertraut, im Gegenteil, sie kannten sich kaum. Der Gentleman von nebenan benahm sich immer etwas reserviert und grüßte nur spärlich. Brachte er zur Abwechslung doch einen Ton aus seinem Mund, wagte er es nicht, ihm direkt ins Gesicht zu blicken. Komischer Typ, aber Peter wollte trotzdem sichergehen, dass alles in Ordnung war. Bevor er anklopfte, horchte er an der Tür, aber drinnen schien alles mucksmäuschenstill zu sein.
„Alles Okay bei dir?“, schrie er durch die Tür. Er nahm es mit den Höflichkeitsformeln nicht so genau und sprach in der Regel alle mit dem persönlichen „du“ an.
Keine Antwort. Die Geräusche mussten wohl eine Sinnestäuschung gewesen sein, aber bei den Nachwehen seines gestrigen Rausches, mit denen er immer noch zu kämpfen hatte, war das kein Wunder. Einen letzten Versuch wollte er doch noch unternehmen, bückte sich und warf einen Blick durchs Schlüsselloch. Viel war nicht zu erkennen, doch glaubte er, etwas oder jemanden auf dem Fußboden liegen zu sehen. Die Umrisse deuteten auf eine menschliche Gestalt hin, jedoch mit Gewissheit konnte er dies nicht beschwören. Dennoch musste er etwas tun. Diesmal pochte er kräftiger an die Tür.
„Brauchst du Hilfe?“, versuchte er es erneut, aber auch jetzt kam kein Laut von innen. Er bückte sich hinunter und spähte noch einmal durchs Schlüsselloch. Die Lage des auf dem Boden liegenden Objekts hatte sich nicht verändert. Wenn er doch nur wüsste, was sich auf dem Boden befand. Vielleicht war es ja auch nur ein gebrauchtes Handtuch oder Ähnliches. Er hatte keine Ahnung, deshalb blieb ihm nichts anderes übrig, als der Sache nachzugehen. Entschlossen rannte Peter in den ersten Stock und klingelte an der Wohnungstür des Hausmeisters. Der war in der Lage mit seinem Generalschlüssel die Wohnung zu öffnen. Er wollte sichergehen, dass alles in bester Ordnung war, und beruhigt seinen Weg zum Tennisplatz fortführen. Zurück im vierten Stock zückte der Hausmeister seinen Schlüssel und öffnete die Tür zum Apartment seines Nachbarn, dessen Namen ihm nicht einmal geläufig war. Peter spähte vorsichtig ins Innere der Wohnung, so als ob er einem Einbrecher auf der Spur wäre. Im Flur war es dunkel, deshalb konnte er aufgrund der unterschiedlichen Lichtverhältnisse nicht sofort etwas erkennen. Blinzelnd ging er weiter und da lag er, sein Nachbar, in einer Lache voller Blut. Peter stürzte ohne darauf Rücksicht zu nehmen eventuelle Spuren zu verwischen auf den Mann zu. Er tastete nach seinem Puls. In diesem Moment war er froh, den Erste-Hilfe-Kurs, den die Uni jährlich gratis abhielt, absolviert zu haben.
„Er lebt! Rufen Sie sofort einen Krankenwagen“, wies er den Hausmeister aufgeregt an. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er mit seinen Schuhen mitten in der Blutlache seines Nachbarn stand. Ein metallischer unangenehmer Geruch stieg ihm in die Nase. Verunsichert, was er als Nächstes tun sollte, warf er einen Blick nach hinten in Richtung des Hausmeisters, der gerade dabei war, den Notarzt zu verständigen.
„Die sind schon unterwegs“, rief dieser ihm zuversichtlich zu.
„Toll, wenigstens etwas. Und was mach ich jetzt“, dachte Peter sich. Die Waffe, die neben dem reglosen Körper lag, fiel ihm in seiner Aufregung erst jetzt auf. Um ein Haar hätte er sich nach ihr gebückt, aber noch rechtzeitig viel ihm wieder ein, dass er vermutlich schon genug Spuren verwischt hatte.
„Informieren Sie bitte auch die Polizei“, forderte Peter den Hausmeister nochmals auf. „Hier scheint etwas wirklich Schlimmes passiert zu sein.“
Der nickte und wählte die Kurzwahl des Polizeinotrufes. In diesem Moment fing Peters Mobiltelefon zu klingeln an. Er hob schnell ab.
„Alter, wo bleibst du denn? Ich warte schon seit einer Ewigkeit auf Dich“, hörte er seinen Freund durch den Hörer Er klang angepisst.
„Ich stehe inmitten einer Blutlache im Apartment meines Nachbarn“, antwortete Peter brüsk.
„Scherzkeks, was. Wenn dir keine bessere Ausrede einfällt …“, kommentierte er die Antwort von Peter genervt. Dieser war nicht im Entferntesten in der Stimmung sich die Verärgerung seines Freundes noch länger anzuhören und drückte ihn einfach weg.
Endlich hörte Peter die Sirenen, die immer lauter wurden und noch bevor er noch irgendetwas tun konnte, sprang bereits das Notarztpersonal die Treppe in den vierten Stock herauf und betrat den Raum. Sie schupsten ihn unsanft zur Seite und befahlen ihm, die Wohnung zu verlassen. Peter tat wie ihm aufgetragen und stapfte mit seinen blutverschmierten Schuhen durch den Flur zur Eingangstür. Er konnte gerade noch hören, wie einer der Notärzte von sich gab: „Was ist das denn für eine Sauerei hier?“ Draußen wartete bereits die Polizei. Sie unterhielten sich mit dem Hausmeister, der aufgeregt in seine Richtung zeigte. Einer der Beamten löste sich von der kleinen Gruppe und ging auf ihn zu.
„Haben Sie ihn gefunden?“, fragte er ihn. Peter nickte und schilderte ihm so ausführlich wie möglich, was in der letzten Stunde geschehen war. Der Polizist horchte aufmerksam zu, während er sich die wichtigsten Ereignisse auf seinem Notizblock notierte. Zu guter Letzt bat er ihn, noch heute aufs Polizeirevier zu kommen, um das Protokoll seiner Aussage zu unterschreiben. Nachdem sein schwer verletzter Nachbar erstversorgt und mit einer Bahre wegtransportiert wurde, machte sich die Spurensicherung an die Arbeit. Peter warf verstohlen einen Blick in die Wohnung und beobachtete das rege Treiben am Tatort. Noch nie zuvor konnte er die Arbeit der Polizei hautnah und live erleben. Doch sie gönnten ihm diese Erfahrung nicht sonderlich lange. Wenige Augenblicke später knallte einer der Beamten mit grimmiger Miene die Haustüre vor ihm zu und machte ihm somit klar, dass er hier nichts mehr zu suchen hatte.

Lust auf mehr?    amazon Kindle Shop



Ein Hedge-Fonds-Manager unter Verdacht
Leseprobe als PDF

Prolog

Ein gut gekleideter Mann verließ bestens gelaunt die Bar, die sich inmitten der belebten Einkaufsstrasse von Kowloon befand. Das Geschäft, welches ihn reich machen würde, war endgültig unter Dach und Fach. Nichts und niemand konnten ihm jetzt noch in die Quere kommen. Vor sich hin lächelnd eilte er durch die zu dieser Zeit immer noch überfüllten Gassen. Er nickte sogar den drei Hongkongchinesen freundlich zu, die seinen Weg kreuzten und ihn anrempelten. Plötzlich verspürte er einen unangenehmen Schmerz in seiner Lendengegend. Als er seinen rechten Arm an die Stelle bewegte, von der er glaubte, dass der Schmerz ausging, wurde er von hinten gepackt und unsanft in eine Seitengasse geschoben. Er stolperte und fiel zu Boden. Als er aufblickte, standen dieselben drei Burschen vor ihm, mit denen er gerade noch zusammengestoßen war. Ohne lange zu überlegen, kramte er seine Geldbörse aus der Innentasche seines Jacketts und hielt sie einem von ihnen entgegen.
»Das ist alles, was ich habe. Nehmt es und verschwindet«, sagte er mit ermutigendem Selbstvertrauen in der Stimme. Von derartigen Überfällen hatte er schon oft gehört. In so einem Fall war es das Beste, keine Gegenwehr zu zeigen und alles, was man bei sich hatte, herauszurücken. Dann würde sich das Problem von alleine lösen.
»Wir wollen dein dreckiges Geld nicht,« höhnte einer von ihnen. Noch bevor er darüber nachdenken konnte, was sie sonst von ihm wollen konnten, traten sie mit ihren Stahlkappenschuhe brutal auf ihn ein. Nach einer geschlagenen Ewigkeit war alles still um ihn. Vorsichtig versuchte er seine Augen zu öffnen, aber diese waren derart verquollen, dass er kaum etwas sehen konnte. Er roch und schmeckte das Blut, welches ihm in Strömen über sein Gesicht zu fließen schien.
»Sie sind weg,« dachte er sich erleichtert. Doch im selben Moment hörte er das Klicken eines Klappmessers, ein Windhauch wehte knapp an seinem Kopf vorbei und ein unsäglicher Schmerz durchflutete ihn. Er schrie gequält auf und griff sich an seine Schläfe. Sein Ohr … Ein schwarzer, schwerer Arbeiterstiefel, der sich vor sein Gesicht stellte, war das letzte, was er bewusst wahrnahm.

Kapitel 1

Marc musste sich eingestehen, dass er nervös war, als er mit fünfminütiger Verspätung das vereinbarte Restaurant betrat. Er ging davon aus, Daniel bereits anzutreffen, denn er hasste es, auf jemanden warten zu müssen. Aber natürlich war sein zukünftiger Partner noch nicht eingetroffen. Doch Marc wusste bereits, trotzdem sie sich erst kürzlich kennengelernt hatten, über sein notorisches Zuspätkommen bescheid. Ein junger Kellner kam direkt auf ihn zu, fragte nach seinem Namen und führte ihn zu ihrem reservierten Tisch. Marc setzte sich und bestellte einen Scotch mit Soda, um die Nerven zu beruhigen. Nach einer halben Stunde trudelte Daniel mit der fadenscheinigen Entschuldigung, dass er im Stau aufgehalten worden sei, endlich ein. Auch er setzte sich und bestellte sein geliebtes russisches Nationalgetränk. Die Unterhaltung begann schleppend, denn die Ereignisse in Antigua gehörten doch noch nicht ganz der Vergangenheit an. Mit allgemeinem Small Talk versuchten sie, das zwischenzeitliche Schweigen zu überbrücken, bis Daniel dann endlich den Anfang machte und fast unbeteiligt erwähnte:
»Ich bin übrigens geschieden!«
»Aha«, kommentierte Marc, da ihm auf die Schnelle nichts Besseres einfiel. Nach kurzem Schweigen erkundigte er sich dann: »War’s wegen mir?«
»Ja sicher! Nach deinem Fehltritt hatte ich doch endlich die Chance, aus dieser Fessel zu kommen. Außerdem hat sie reumütig zugegeben, dass sie von dir nicht verführt wurde, die kleine Schlampe«, antwortete er locker.
»Trotzdem möchte ich mich bei dir nochmals entschuldigen. Ich habe mich gehen lassen und das, obwohl sie nicht einmal wirklich mein Typ war und dazu noch deine Frau«, gestand Marc.
»Ich muss es wohl nötig gehabt haben!«, schmunzelte er und fuhr leise fort: »Tut mir wirklich leid. Schwamm drüber?«
»Schwamm drüber. Ich bin dann einen Monat später, nachdem die Villa verkauft und alle anderen Unannehmlichkeiten geregelt waren, zurück nach Europa und derzeit geschäftlich in London unterwegs. Ich hätte es in Amerika nicht mehr länger ausgehalten. Aber dass ich dir gerade hier über den Weg laufe, hat schon fast was Schicksalhaftes«, erwiderte er bedeutungsvoll. Marc nickte zustimmend. Damit war für beide das Vergangene endgültig abgeschlossen. Sie plauderten die ganze Nacht und tauschten ihre Erlebnisse und Erfahrungen der letzten zwei Jahre aus. Der Alkohol floss in Strömen, aber ihr Wiedersehen musste einfach gebührend gefeiert werden. Noch in der Nacht waren sie sich einig, dass Daniel bei Marc einsteigen würde. Dieses Mal durfte nichts mehr im Wege stehen, keine Frau, kein Vertrag, kein Partner.

Da sich Stefan, Marcs langjähriger Geschäftspartner und Freund, zur selben Zeit auch in London befand, weil sie gemeinsam einige wichtige Dokumente durchgehen und unterzeichnen mussten, ergriff Marc die Gelegenheit und stellte ihm Daniel am nächsten Morgen vor. Noch etwas angeschlagen von der vergangenen Nacht wirkte Daniel auf Stefan nicht besonders vertrauenswürdig. Als ihm dann auch noch mitgeteilt wurde, dass Marc ihn auch gleich am Gewinn beteiligen wollte, fühlte sich Stefan wie vor den Kopf gestoßen. Was war nur in Marc gefahren, hatte er denn aus Antigua gar nichts gelernt? Natürlich war das damals sein Fehler gewesen, aber er war in keinster Weise damit einverstanden, diesen Typen in ihr Unternehmen einsteigen zu lassen. Sie hatten ihre erste Investmentfirma gemeinsam in Wien aufgebaut und waren seit Kurzem sogar sehr erfolgreich damit. Er wollte sich von einem dahergelaufenen Kollegen von Marc nicht einfach alles kaputt machen lassen. Kurzerhand nahm er Marc zur Seite und murmelte grimmig:
»Lass uns unter vier Augen reden, bitte.« Daniel entschuldigte sich natürlich sofort, denn es war ihm nicht entgangen, dass er keinen guten Eindruck auf Stefan gemacht hatte. Aber kein Wunder nach dieser durchzechten Nacht.
»Was ist los? Wir …«, fing Marc an.
»Ich will diesen Typen nicht in unserem Unternehmen«, fiel Stefan ihm ins Wort. »Schau ihn dir an, er passt einfach nicht zu uns.«
»Stopp. Stopp. Stopp«, protestierte Marc. »Ich habe Daniel überprüfen lassen und er hat ausgezeichnete Referenzen. Er hat in den Staaten mehrere Firmen vor der sicheren Pleite bewahrt. Er ist ein genialer Verkäufer. Wir brauchen ihn, um international expandieren zu können. Und außerdem will ich ihn. Basta.“
»Das ist ja wieder einmal typisch für dich. Deine Art, Meinungsverschiedenheiten aus der Welt zu schaffen, bedeutet doch immer wieder, wir machen das, was du willst!«, rief Stefan erbost.
»Ich verstehe dich nicht, warum mischst du dich überhaupt in meinen Bereich ein? Bleib du bei dem, was du kannst, und ich bei dem, was ich kann. Und was den Vertrieb und die Vermarktung angeht, da hab ja wohl ich das Sagen. Ich mische mich ja auch nicht in deine mathematischen Formeln ein, aber vielleicht würden unsere Fonds ja dann noch besser performen«, schimpfte er.
»Für mich ist das Thema erledigt. Daniel macht bei uns mit.«
»Du wirst schon sehen, was du davon hast. Schau zu, dass er mir so wenig wie möglich über den Weg läuft«, machte er seinem Zorn noch einmal Luft. Aber wie üblich zog er bei dieser Auseinandersetzung den Kürzeren. Da somit für Marc alles geklärt war, begannen er und Daniel sofort mit ihren strategischen Plänen. Für Marc war klar, dass Daniel sich ausschließlich um die internationale Expansion kümmern müsse. So war auch sichergestellt, dass er mit Stefan kaum in Berührung kam.

Kapitel 2

Aufgrund der sehr guten Erfahrungen und Kontakte Daniels in die Staaten hätte es durchaus Sinn gemacht, die Expansion dort zu starten. Trotzdem wollten sie zuerst den asiatischen Markt aufbauen. Daniel hatte sich in seiner knappen Freizeit intensiv mit diesem Kontinent befasst, da er persönlich fasziniert von der Lebensart und Denkweise der Asiaten war. Natürlich trug zu diesem Entschluss auch der unglaubliche Boom der asiatischen Märkte bei. Dazu kam, dass Daniel die oberflächliche Lebensart der Amerikaner satt hatte und auch sonst nicht darauf erpicht war, wieder in Amerika zu leben. Somit führten all diese Überlegungen zu der gemeinsamen Entscheidung, die Geschäfte in Asien auszuweiten. Da Daniel einen der vorherrschenden Charakterzüge von Marc bereits mehrmals miterleben durfte – seine Ungeduld - war ihm bewusst, dass er sich für den Aufbau nicht zu lange Zeit lassen durfte. Also erbat er sich vollkommene Freiheiten, um das Projekt in einem angemessen kurzen Zeitraum lancieren zu können. Er begründete dies damit, dass dieser spezielle Markt auch nur mit speziellen Mitteln erobert werden könne. Und dazu brauchte er das notwendige Kleingeld. Außerdem durfte er aufgrund der Zeitverschiebung nicht behindert werden und jedes Mal einen Tag verlieren, wenn es um Entscheidungen ging, die er durchaus alleine treffen konnte. Marc war mit allem einverstanden, denn was ihm Daniel über die Möglichkeiten im Land der Schlitzaugen erzählt hatte, mussten sie gigantisch sein. Der Wohlstand hatte sich in diesen Ländern in den letzten Jahren so massiv gesteigert, dass das Geld sprichwörtlich auf der Straße lag. Und er war mithilfe von Daniel dazu bereit, dieses in Massen dort aufzusammeln. Um Stefan nicht unnötig aufzuregen, finanzierte er dieses Projekt aus seiner eigenen Tasche. Es war das erste Mal, dass Stefan und er geschäftlich getrennte Wege gingen. Sobald sich jedoch die Kosten hier trugen, würde er ihn auf alle Fälle involvieren.

Für den Start in Asien standen mehrere Städte zur Auswahl – Hongkong, Singapur, Tokio oder Shanghai. Alle Metropolen hatten durchaus ihren Reiz, aber am einfachsten war aus beider Sicht eindeutig Hongkong. Dieser Stadtstaat stand sehr lange unter britischer Kolonialherrschaft, bevor er am 1. Juli 1997 an China zurückgegeben wurde. Somit waren kaum sprachliche Barrieren zu befürchten. Die englische Sprache hatte sich fast schon zur Nationalsprache etabliert. Dazu kam noch, dass aufgrund dieser langen Vorherrschaft auch viele westliche Einflüsse herrschten. Denn die bei der Übergabe an China zirkulierenden Katastrophenszenarien hatten sich nicht bewahrheitet. Hongkong konnte seine Freiheiten weitestgehend beibehalten. Und zu guter Letzt waren alle renommierten internationalen Banken dort auf engstem Raum vertreten. Eine ausgezeichnete Voraussetzung, um rasch sehr gute Partner für sich zu gewinnen.

Daniel besuchte noch ein letztes Mal seinen aktuellen Arbeitgeber, bei dem er bereits per E-Mail gekündigt hatte, um alle offenen Angelegenheiten zu regeln und die Übergabe an seinen Nachfolger abzuschließen. Anschließend flog er direkt nach Hongkong. Er musste sich unverzüglich mit geeigneten Anwälten vor Ort zusammensetzen, um die Firmengründung voranzutreiben und ein repräsentatives Büro anzumieten. Daniel buchte auf unbestimmte Zeit ein Zimmer in einem erstklassigen Hotel direkt am Meer. Marc richtete ihm auch gleich ein Firmenkonto mit Einzelverfügungsrecht ein, damit er rasch und unbürokratisch handeln konnte, so wie er es ihm vorgeschlagen hatte. Marc selbst blieb auf Weiteres in London, wo sich leider auch weiterhin kaum Geschäft machen ließ.

Kapitel 3

Hongkong war eine aufregende Stadt. Auf engstem Raum lebten Millionen von Menschen unterschiedlichster Rassen miteinander. Ein ungewöhnlicher Mix aus Reichtum und Armut. Im Kern der Stadt ragten die modernen Glastürme sämtlicher internationaler Banken und Investmentunternehmen in unermessliche Höhen. Hier wimmelte es während des Tages nur so an Geschäftsleuten in ihren schwarzen Business-Outfits und noblen Kostümen. Es gab kaum eine andere Stadt, in der man eine so immense Geschäftigkeit und Hektik erleben konnte. Nur wenig außerhalb sah man im Kontrast dazu die halb verfallenen Wohnhäuser der einheimischen Bevölkerung, deren Fassaden immer mehr abbröckelten und langsam aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit zu verschimmeln drohten. In den heißen Monaten von Juni bis Oktober lag der Smog so unbarmherzig über der Stadt, dass man das Meer kaum noch erkennen konnte. Eine wahre Dunstglocke legte sich über die Innenstadt. Aber das störte Daniel nicht, er liebte diese rastlose Geschäftigkeit und den Lebensstil der Menschen, die hier seit Langem lebten. Sogar an die teilweise sehr intensiven Gerüche hatte er sich gewöhnt, die davon rührten, dass die hiesigen Metzgereien es mit dem Ausstellen der geschlachteten Hühner und Truthähne in den Schaufenstern nicht so genau nahmen. Aber vor allem das Nachtleben sagte ihm zu, denn diese Stadt schlief niemals. Natürlich waren viele Bars und Clubs sehr touristisch ausgelegt, denn an Touristen mangelte es hier zu keiner Jahreszeit. Trotzdem hielt er sich gerade dort gerne auf, um sich zwischendurch wieder mit westlichen Charakteren austauschen zu können. Er musste sich jedoch auch eingestehen, dass ihn vor allem die asiatischen Mädchen, die sich in diesen Pubs aufhielten, um sich einen westlichen Mann zu angeln, reizten. Im Gegensatz zu den etwas üppig gebauten Antiguanerinnen waren hier die Mädchen sehr zierlich gebaut. Vielleicht etwas zu zierlich, aber dafür von einer Liebenswürdigkeit, von der die Männer in anderen Ländern nur träumen konnten. Er ließ keine Gelegenheit aus, sich von der Hingabe der Asiatinnen immer wieder verwöhnen zu lassen.

Die Firmengründung war nahezu ein Kinderspiel. Nur die Suche nach geeigneten Büroräumlichkeiten entpuppte sich schwerer als erwartet, da das Immobiliengeschäft in Hongkong extrem boomte. Außerdem suchte er von Beginn an nach einem repräsentativen Geschäftsumfeld direkt im Zentrum, um bei wichtigen Partnern den gewünschten Eindruck zu hinterlassen. Kleine Brötchen zu backen war er nicht gewohnt und wollte dies auch in Zukunft nicht. Hartnäckig verfolgte er sein Ziel, bis ihm ein für seinen Zweck ausgezeichnetes Objekt inmitten des Finanzdistrikts von Hongkong angeboten wurde. Nicht billig, aber auch nicht unverschämt. 500 qm im 22igsten Stockwerk eines bekannten Hongkonger Bürogebäudes war durchaus ein guter Start. Jetzt war es an der Zeit, auch die richtigen Mitarbeiter für sein Vorhaben zu finden. Er brauchte junge, attraktive Menschen, die mit vollem Elan und Enthusiasmus für ihn arbeiteten. Den Israeli, den er vor Kurzem in einer der hippen Bars im Central kennengelernt hatte, konnte er schon fast davon überzeugen, bei ihm einzusteigen. Er war Jude und somit, was das Gespür für gute Geschäfte anging, sicherlich ein Volltreffer. Zudem war er sehr wortgewandt. Er konnte derart überzeugend seine Meinung äußern, dass man gar nicht anders konnte, als ihm zuzustimmen. Normalerweise war das doch seine Spezialität, dachte er.

Einen Monat später hatte er Elias an Bord und nicht nur ihn, sondern auch gleich seinen Halbbruder Adam und dessen Freund. Daniel war überzeugt, mit den Dreien die Verkaufsabteilung perfekt besetzt zu haben. Elias war eindeutig das Alpha-Tier von den Dreien. Die anderen beiden würden das tun, was er ihnen auftrug. So musste Daniel im Prinzip nur ihn im Auge behalten. Da er das Gefühl hatte, dass Elias und er dasselbe Ziel vor Augen hatten, solle dies kein Problem darstellen. Und als Vollblut-Verkäufer, wie Elias einer war, würde er durchaus in der Lage sein, den Hongkonger Investmentmarkt aufzumischen. Für Daniel großartige Voraussetzungen, um Marc bestätigen zu können, dass sie mit der Expansion nach Asien die richtige Entscheidung getroffen hatten. Aber es war noch zu früh, Marc über den aktuellen, positiven Stand vor Ort zu berichten, da ihn noch eine Sorge plagte. Sie hatten repräsentative Räumlichkeiten inmitten der Finanzhochburg Hongkong, fähiges und engagiertes Personal und verfügten zudem noch über die notwendige Lizenz, aber Elias schien dies noch nicht auszureichen.
»Du gibst dich einfach viel zu schnell zufrieden, Daniel. Mit der grandiosen Performance, die unser Titan Fonds vorweist, könnten wir noch weit mehr verdienen, als wir es auf dem geteerten Weg machen werden. Ich garantiere dir, dass sie uns den Fonds aus den Händen reißen werden. Glaub mir.« Da Daniel darauf nichts entgegnete, fügte Elias bedeutungsvoll hinzu:
»Außerdem müssten wir ja das investierte Geld nicht unbedingt hier in Hongkong verwalten, sondern wir überweisen es auf das Firmenkonto einer geeigneten Offshoregesellschaft.«
»Was meinst du damit?«, wollte Daniel wissen.
»Noch nie davon gehört? Das machen doch die meisten hier. Wer will schon sein ganzes Vermögen dem Staat in den Rachen stecken. Nein, die wirklich Reichen suchen sich doch genau diese Anlagemöglichkeiten. Das Geld unserer Anleger wandert von ihrem Hongkonger Konto direkt auf ein Bankdepot auf - zum Beispiel - den Bermudas, dem Firmenkonto unserer Offshorefirma. Von dort investieren wir dann den Betrag in unseren Titan Fonds, betreut von unserer Fondsverwaltungsgesellschaft auf Antigua. Unsere zukünftigen Kunden verfügen doch alle schon über ein Offshorekonto, damit sie Steuern sparen können. Was aus meiner Sicht durchaus vernünftig ist.« So ganz richtig verstand Daniel diese Sache noch nicht. Er war schließlich neu im Finanz-Business und mit den Details noch nicht sehr vertraut. Aber Elias ließ nicht locker und erklärte ihm die Vorgehensweise bei einem Offshoregeschäft so lange, bis er es kapiert hatte. Nach langem Hin und Her ließ sich Daniel – wenn auch widerwillig – überreden, da die zusätzliche Geldquelle durchaus verlockend klang. Außerdem hatte ihm Elias versichert, dass viele Finanzunternehmen nach diesem Geschäftsmodell vorgehen würden. Und er hatte vor Marc so großspurig mit all dem vielen Geld hier in Hongkong geprahlt, dass er jetzt keinen Rückzieher machen konnte. Elias erwies sich wirklich als Teufelskerl. Er schien halb Hongkong zu kennen, denn die nächsten Wochen war ihr Kalender prall gefüllt mit Terminen, die ihnen nicht einmal Zeit für ein kurzes gemeinsames Mittagessen ließen. Nachdem sie genügend mögliche Partner gefunden hatten, die über Investoren verfügten, die ihr Geld gewinnbringend bei ihnen im Ausland anlegen würden, planten sie die nächsten Schritte. Daniel war sich klar darüber, dass er mit einem konkreten Vorschlag an Marc herantreten musste, damit dieser sein Einverständnis gab und vor allem sein Geld zu diesem Vorhaben beisteuerte. Es war kein unerhebliches Risiko und durchaus möglich, dass Marc hier alles abbrach, wenn sie ihn nicht überzeugen konnten. Aber Elias drängte ihn, jetzt schnell zu handeln, bevor seine Kontakte bei der Konkurrenz anfragten. Da Marc sowieso noch nie das Büro hier in Hongkong besucht hatte, entschied Daniel sich, ihn kurzfristig einzuladen und das Ganze gemeinsam mit ihm und Elias vor Ort zu besprechen. Er hatte das Gefühl, dass es wesentlich einfacher sein würde, wenn er Marc persönlich gegenüberstand. Außerdem konnte er ihm gleich auch Elias vorstellen, von dem er sicherlich begeistert sein würde. Diesen einen Vorteil musste er für sich nutzen. Marc traf eine Woche später in Hongkong ein. Er war begeistert von den Büroräumlichkeiten und erst recht von Elias. Sie verstanden sich auf Anhieb sehr gut. Marc war von der Power und Motivation, die von Elias ausgingen sehr angetan. In einer ruhigen Minute in Daniels Büro klopfte Marc ihm freundschaftlich auf die Schultern und meinte:
»Hey, da hast du ja echt was vorwärtsgebracht in dieser kurzen Zeit. Ich bin wirklich begeistert. Vor allem mit Elias scheinst du ein wahres Verkaufstalent gefunden zu haben. Wenn der nur die Hälfte von dem bringt, was er erzählt hat, dann machen wir hier wirklich das große Geld. Wie bist du denn auf ihn gestoßen?«
»Eigentlich ganz ähnlich, wie ich auf dich gestoßen bin«, schmunzelte Daniel. »Natürlich in einer Bar, allerdings in einer der gehobenen Klasse. Nein, mal im Ernst. Um leichter geschäftliche Kontakte knüpfen zu können, habe ich mich hier bei einem Investmentclub registrieren lassen und an einer der Partys teilgenommen. Beim anschließenden Small Talk haben wir uns dann zufällig kennengelernt. Er war mir auch gleich sympathisch, und nachdem er mir von sich und seinen Geschäften mehr erzählt hat, habe ich ihm am selben Abend noch ein Angebot unterbreitet. Und er hat es dann auch nach mehreren gemeinsamen Verhandlungen tatsächlich angenommen. Allerdings nur unter der Bedingung, dass ich auch seinen Halbbruder und dessen Freund einstelle. Aber du wirst sehen, auch diese zwei machen einen ganz passablen Eindruck. Ich bin mir sicher, dass wir da ganz schön profitieren.«
»Wollen wir’s hoffen. Einen Dampfplauderer will ich nämlich nicht durchfüttern. Was kostet er uns überhaupt?«, wollte Marc noch wissen.
»Er wird uns sicher nicht enttäuschen. Du wirst sehen, er hat schon eine Idee parat, wie wir ohne Verzögerung bereits mit den ersten Partnern durchstarten können. Ich blicke zwar noch nicht hundertprozentig durch, aber ich bin ja auch nicht vom Fach wie du«, lenkte er ein.
»Das war nicht die Antwort auf meine Frage«, wandte Marc mit ernstem Blick ein.
»Was er verdient? Wenig ist es natürlich nicht. Aber dafür habe ich die beiden anderen günstig bekommen. Deren Gehalt liegt unter dem allgemeinen Durchschnitt. Somit gleicht es sich wieder aus.«
»O.k. Ich mag ihn. Scheint ein aufgeweckter Bursche zu sein. Aber behalte ihn trotzdem im Auge. Was wollt ihr sonst noch mit mir besprechen?« Jetzt war es an der Zeit, ein intensives Gespräch zu dritt zu vereinbaren. Daniel schlug ein gemeinsames Abendessen im Restaurant seines Hotels vor, wo sie über alles in gemütlicher Atmosphäre diskutieren konnten.

Um acht trafen sie sich zu einem Aperitif an der Bar. Anschließend wechselten sie ins feudale Restaurant des Hotels, in dem Daniel schon seit Monaten eine Suite bewohnte. Alle drei bestellten die Empfehlung des Küchenchefs und zur Feier des Tages genehmigten sie sich einen prämierten kalifornischen Rotwein, Jahrgang 1996. Ein Spitzenwein aus dem Napa Valley. Der Wein mundete köstlich zu den servierten Speisen und so fühlten sich alle in kurzer Zeit sichtlich wohl. Die Stimmung war heiter und gelöst. Sie sprachen über Gott und die Welt, nur nicht über das Thema ihres heutigen Zusammentreffens. Daniel wurde langsam etwas nervös. Elias war nichts anzumerken, denn er unterhielt sich prächtig mit Marc. Als Daniel sich dann wirklich nicht mehr länger auf das allgemeine Geplaudere der beiden konzentrieren konnte, unterbrach er die beiden abrupt:
»Elias, bitte komm jetzt endlich auf den Punkt. Lass uns das Geschäftliche besprechen, bevor wir alle zu viel des guten Weins getrunken haben. Das ist ja der Grund unseres heutigen Zusammentreffens. Erzähle Marc von deiner Idee.«
»O.k., o.k., du hast ja recht. Genug geplaudert«, erwiderte Elias. Ohne weitere Ablenkung wiederholte er vor Marc nochmals seine Idee der Gründung einer Offshoregesellschaft auf den Bermudas, um das Geld ihrer Investoren außer Landes zu verwalten. Er trug seine Idee mit einer solchen Begeisterung vor und erläuterte sämtliche Vorteile bis ins Detail, dass ihm beide wie gebannt zuhorchten, sogar Daniel, für den die Geschichte ja nicht mehr so neu war. Bis Marc einwandte:
»Das klingt ja alles sehr verlockend, aber irgendein Haken muss an der Sache sein. Das hört sich alles viel zu einfach an.«
»Was sollte daran nicht stimmen? Wir sind nicht die Ersten, die eine Offshorefirma gründen und sich dabei immense Vorteile verschaffen. Eine sogenannte Domizilgesellschaft in diesen Ländern kann binnen 24 Stunden gegründet werden. Wir benötigen dann nur noch ein Bankkonto dort und können bereits Gelder meiner interessierten Partner entgegennehmen. Dazu kommt, dass wir uns eine Menge Steuern sparen würden«, entgegnete Elias.
»Und die Kunden unserer Partner profitieren, indem auch sie Steuern sparen können, wenn ich das richtig verstanden habe«, meldete sich Daniel zu Wort.
»Aber ist das nicht Beihilfe zur Steuerhinterziehung?«, fragte Marc nach.
»Wieso?«, antwortete Elias entrüstet. »Der Investor ist verpflichtet, seine Vermögenswerte bei der Finanzbehörde anzugeben und nicht wir. Wenn er das unterlässt, liegt das nicht in unserer Verantwortung.«
»Hmm…«, war der einzige Kommentar von Marc. So richtig gefiel ihm die Sache nicht. Es wollte ihm nicht in den Kopf, warum hier in Hongkong die Abwicklung des Investmentgeschäftes anders verlaufen sollte als in Europa. Sie waren damit sehr erfolgreich und hatten auch keine Probleme mit den zuständigen Behörden. Außerdem war es seiner Meinung nach der korrekte Weg.
»Hey, Marc. Wir könnten auf dem rolex replica sale Weg mit dem Geldverdienen hier in Asien beginnen und allen Beteiligten wäre geholfen. Außerdem macht das jeder. Immer nur den sicheren Weg zu gehen, bringt nicht den wirklichen Erfolg. Lass es uns doch einfach ausprobieren. Du kommst doch immer wieder mit deinem ›Wir müssen die Extramiles gehen!‹ Und jetzt, wo wir sie gehen wollen, kneifst du«, rief Daniel erbost.
»Tut mir leid, ich versteh den Sinn nicht. Auch Hongkong ist ein sogenanntes Offshoreland und bietet einige Vorteile, warum vertreiben wir nicht, wie sonst auch überall, Onshore unser Produkt?«
»Weil wir damit wesentlich mehr Geld verdienen können. Das muss dir doch einleuchten«, platzte es aus Daniel heraus.»Aha, also da liegt der Hund begraben. Und nur wegen des Profits kommst du mir mit dieser Spezialkonstruktion. Anstatt mir gleich reinen Wein einzuschenken, redet ihr beide seit Stunden um den heißen Brei«, schimpfte Marc wütend. Er konnte diese Art der Vertuschung nicht ausstehen.
»Marc, du tust uns unrecht. Es war meine Idee und mein Vorschlag. Und vor allem habe ich mit allen meinen Partnern Vorgespräche geführt, und wenn wir nicht schnell handeln, werden sie ihr Kundenvermögen bei einem Konkurrenten anlegen, das sollte dir bewusst sein. Wenn du hier und jetzt in Hongkong erfolgreich werden willst, dann musst du es nach meinem Weg machen«, beharrte Elias.
»Wenn nicht, hat mich Daniel falsch informiert, und ich werde mich neu orientieren«, fügte er zornig hinzu. Er stand auf und verließ wütend das Restaurant. Verdutzt schauten Marc und Daniel ihm nach.

»Was war das denn? Ist der immer so?«, fragte Marc nach.
»Ich erlebe das heute auch zum rolex replica sale Mal. Ich weiß natürlich, dass er sehr temperamentvoll ist, aber so …“
»Das gefällt mir nicht. Der droht uns ja.«
»Jetzt übertreibe nicht. Er hat uns ganz einfach seinen Standpunkt mitgeteilt. Er will uns ja eigentlich nur helfen, auf dem schnellsten Weg hier Fuß zu fassen.« Marc wollte nicht weiter darüber diskutieren. Er hasste es, wenn man ihn vor vollendete Tatsachen stellte. Daniel hätte ihn vorab über diese angebliche Geschäftsidee informieren müssen. Diese falscheVorgehensweise machte er ihm auch unmissverständlich zum Vorwurf. Zerknirscht entschuldigte Daniel sich. Doch gleich darauf fing er wieder an, die Idee von Elias anzupreisen.
»Jetzt gib doch auch zu, dass die Sache genial ist. Das würde uns ganz andere Dimensionen eröffnen, die wir noch gar nicht in Erwägung gezogen haben«, fuhr er fort.
»Und mit Elias haben wir genau den richtigen Mann dafür. Der zieht die Sache durch. Außerdem hat er schon viele seiner Kontakte damit heiß gemacht. Also, was soll denn für uns noch schiefgehen? Nur wer auch ein Risiko eingeht, kann gewinnen. Das kommt übrigens nicht von mir. Ich verstehe dein Zögern in dieser Sache nicht.« Marc schaute ihn durchdringend an. Er musste sich eingestehen, dass es ihn in gewisser Hinsicht reizte und er durchaus nicht abgeneigt war, es zu versuchen. Er durfte dabei aber Stefan nicht vergessen. Obwohl er ihm die Asien-Expansion noch nicht offiziell mitgeteilt hatte, müsste er ihn jetzt als sein Teilhaber und enger Freund eigentlich ins cartier replica uk ziehen. Hier ging es um eine sehr wichtige Entscheidung, die nur gemeinsam getroffen werden konnte. Seit er Daniel kennengelernt und ihn ins Unternehmen geholt hatte, verlor sich diese Gemeinsamkeit mehr und mehr, sowohl was das Geschäftliche als auch das Private betraf. Wahrscheinlich lag es daran, dass Stefan Daniel nicht über den Weg traute. Und Marc wollte sich seine negativen Bemerkungen jedes Mal, wenn er nur seinen Namen erwähnte, einfach nicht mehr anhören. Wenn er Stefan jetzt diesen Vorschlag unterbreiten würde, das wusste Marc genau, wäre das Asien Geschäft gestorben. Er hatte die Expansion nach Asien mit Daniel begonnen und würde diese jetzt auch mit ihm weiterführen. Daran sollte Stefan nichts ändern können. Auch wenn dies im Moment bedeutete, nicht den ganz korrekten Weg zu gehen.
»Also gut! Meinen Segen habt ihr. Aber ich will über alles jederzeit informiert sein. Sowohl über das Positive als auch über das Negative, verstanden?«, warnte er ihn. Daniel war erleichtert, ließ sich dies jedoch nicht zu offenkundig anmerken. Jetzt konnte der Spaß erst so richtig beginnen.

Lust auf mehr?    amazon Kindle Shop



Im Sog der Organ-Mafia
Leseprobe als PDF

Kapitel 1
Die Diagnose

Die Diagnose war schockierend. Gerade noch spielte Thomas quietschfidel mit seinen Freunden im Garten. Wenige Augenblicke später lag er bewusstlos im Gras. Als Ines ihren Sohn blass und regungslos auf dem Boden liegen sah, lief ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken. Ihre Angst um ihn war unbeschreiblich. Sie kniete sich zu ihm nieder und versuchte ihn durch sanftes Rütteln an seinen Schultern ins Bewusstsein zurückzuholen. Als sie merkte, dass ihre Anstrengungen ohne Erfolg blieben, rannte sie verzweifelt ins Haus, sprang zu ihrem Mobiltelefon und wählte eilig die Notrufnummer. Nach wenigen Minuten hörte sie die Sirene des Rettungswagens, und kurze Zeit später waren sie auf dem Weg ins nächstgelegene Spital. Noch im Wagen informierte sie ihren Ehemann Martin über die unerwarteten Geschehnisse, die ihr Leben fortan verändern würden. Martin ließ sofort alles liegen und stehen, eilte ohne ein Wort aus seinem Büro und machte sich direkt auf den Weg ins Krankenhaus, welches Ines ihm genannt hatte. Sein Puls raste. Die Angst um seinen Sohn brachte ihn nahezu um den Verstand.

Nach einer geschlagenen Stunde, die sie vor der Intensivstation verbringen mussten, saßen Ines und Martin endlich dem diensthabenden Arzt in seinem Büro gegenüber. Dr. Karl blickte zuversichtlich in die zwei verängstigten Augenpaare.
„Leidet Ihr Sohn schon seit längerem unter Atemnot?“, stellte der Arzt seine erste Frage. Martin blickte ihn überrascht an. Es war ihm ins Gesicht geschrieben, dass er keine Ahnung hatte, was der Arzt von ihm wissen wollte. Von einer etwaigen Atemnot seines Sohnes wusste er replica watches . Seine Frau Ines räusperte sich nervös.
„Mir ist in letzter Zeit öfters aufgefallen, dass er so eigenartig röchelt, wenn er vom Spielen zurück ins Haus kommt.“ Martin warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Ich dachte nicht, dass es sich um etwas Schlimmes handeln könnte. Er ist ein sehr lebhafter Junge, müssen Sie wissen.“
„Machen Sie sich keine Vorwürfe“, beruhigte der Arzt sie. „Sein Zustand ist momentan stabil. Aber ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Sohn voraussichtlich ein tag heuer replica uk Herz braucht. Die Untersuchungen haben ergeben, dass der linke Herzflügel nur noch mit halber Kraft arbeitet. Wir können noch nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich um einen angeborenen Herzfehler oder lediglich um eine Herzmuskelentzündung handelt. Über kurz oder lang kann dieser Zustand allerdings zu einem Herzinfarkt führen. Aus diesem Grund und um kein Risiko einzugehen, haben wir ihn bereits auf die höchste Stufe in der europaweiten Spender-Datenbank gesetzt. Sobald ein geeignetes Herz zur Verfügung steht, werden wir die notwendige Transplantation durchführen, falls die weiteren Untersuchungen einen derartigen Schritt nicht doch noch abwenden lassen.“
„Wie lange kann so etwas dauern? Und vor allem, wie lange schlägt das Herz meines Sohnes noch?“, fragte Martin ernst.
„Wie gesagt, das können wir zurzeit noch nicht so genau sagen. Unsere bisherigen Erfahrungen haben allerdings gezeigt, dass wir immer rechtzeitig ein passendes Herz erhalten haben. Thomas steht in der europaweiten Datenbank an vorderster Stelle. Mehr können wir im Moment nicht für ihn tun.“

Lust auf mehr?    amazon Kindle Shop

  Cover: Scheinheilig Cover: Verführte Seelen Cover: Blinde Vergeltung Cover: Rettet unser Kind

© 2010-2016 Bettina Büchel Impressum | Widerrufsbelehrung